blog.systom.info
Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken &handeln! Willst du auch an der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos
und Materialien:

Welcome 2 blog around my systom

Eine, NEIN - Die Kolumne

Dies ist eine meiner absoluten lieblings Kolumnen. Lesestoff vom Feinstem. Die erste Folge wurde im Dezember 2004 abgedruckt. Bis zum September 2007 folgten insgesamt 34 weitere Texte. Zu lesen gab es die Kolumne im monatlichem Programmheft des Berghain . Einer der bekanntesten Clubs in Berlin. Der Laden hat eben soviel mehr als nur geilen Sound zu bieten.

Da sie nicht so einfach zu lesen ist, also sagen wir besser, da man nicht so bequem an den Stoff zum nachdenken kommt, hier mal ein "easy-2-click" Archiv. Aber der Dank für die Zeilen gilt hochachtungsvoll ANTON WALDT.

Eine Textprobe gefällig? Viel Vergnügen.

Voll auf die 12

von Anton Waldt

In der grauen Discovorzeit gab es allein im Film versteckte Andeutungen von zukünftigen, kunstvollen Discowelten. Die Splitter des Glücks glänzten farblos in schwarz-weiß. Es waren neben der Handlung liegende, kleine unscheinbare tanzende Sequenzen. Nehmen wir den Film Liebe 1962 für ein Beispiel der unsichtbaren Disco.

Zwischen unterkühlten, selbstentfremdeten aber immer gut gekleideten Menschen, schieben sich Möglichkeiten einer kommenden Ekstase. Eine mögliche Discoform wird im Flimmern und Rauschen sichtbar, weil zwischen Menschen dramatische Situationen entstehen. Als Disco noch kein Lifestyle war, übernahm Antonioni den filmischen Versuch einer Studie über die Schickeria Roms.

In L’Eclisse, so der Originaltitel, spült Antonioni den leeren Weltinnenraum seiner Protagonisten an die Bildoberfläche. Er inszeniert die verborgene Disco als Psychodrama, indem er einen Raum aus Drama und Musik, Kleidern und architekturen errichtet. Noch lange bevor John Travolta den hübschen Discohipster spielte, den er später zunehmend parodierte bis er irgendwann in seiner eigenen Existenzdisco verschwand, da jonglierte ein junger dynamischer Börsenmakler namens Alain Delon mit dem Kapital der Schönen und Reichen im mondänen Nachkriegs-Rom.

Anseiner Seite tastete sich die wunderbare, immer gelangweilte Monica Vitti an einen ersten zarten Girlism-Vorentwurf heran. Unser Filmpaar bildet die erste kleine Disco, weil sie Suchende bleiben und nie ein gemeinsamer Ort, nie eine Gemeinsame Zeit für ihre Liebe gefunden werden kann. Immer tritt die Brüchigkeit menschlicher Beziehungen zu Tage, weil Delon fiebrig ist und Vitti unschlüssig bleibt. Seine Börsianermentalität zerschellt an Busfahrerhäuschen und hochgeklappten Bürgersteigen, ihre rich kid attitude produziert ständig nur Fragezeichen.

Hier entsteht etwas, allein durch die Tatsache, dass die Welt, so wie sie ist, nicht für sie gemacht zu sein scheint. Und deutet sich nicht hier schon Disco als unausgesprochene Möglichkeit einer neuen glücklichen Existenzweise an? Noch hoffen wir auf ein Happy End.

Dann folgt der abrupte U-Turn Antonionis: Statt lieblichem Schlussakkord, geht im toten Winkel der geordneten Vorstadtsiedlung das Neonlicht an. Dort verblitzt die erkaltete Welt an der irdischen Finsternis. Zeitungsmeldungen trauen dem teuflischen Frieden nicht. Ein Atomkrieg wird für möglich gehalten. Unsere Anti-Helden geht das nichts an. Delon und Vitti sind ihren Apartments verschwunden. Ganz allein. Jede(r) für sich. Unsichtbar. Bei Antonioni wird Disco vorerst zerschlagen.

Statt lustvoller Entfremdung bleibt nur Langeweile und Apathie. Man hätte damals in Rom sein müssen. In Berlin singt Ray Charles 1962 im Sportpalast folgenden Titel: Hallelujah, I love her so. So geht es ja auch nicht, oder?


[hier weiter lesen] | [Trackback URL ]

Gratis bloggen bei
myblog.de