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Nazis, Vixer & Arschlöcher in der Tram

Hasstiraden in der rush hour

Heute ist mal wieder so ein typischer Berliner November Morgen, nass, kalt & windig. Kein Tag um gut gelaunt aus dem Haus zu gehen und sich auf die nächsten Stunden zu freuen. Was so beginnt, steigert sich selten. Dennoch bleibt einem nichts anderes übrig als die Tür ins Schloss fallen zu lassen und den Gang aller Arbeitstiere anzutreten. Erstaunlicher Weise ging mir das alles heute, trotz der grauen und trüben Vorzeichen am Arsch vorbei und mit einer unverschämt guten Laune, ergatterte ich einen Sitzplatz in der Straßenbahn, welche um diese Zeit sehr voll ist.

Nicht so voll wie des nächtens, so gegen 23°° Uhr in der eigentlichen Hauptverkehrszeit der M10. In dieser Zeit wuchtet die Tram Unmengen vergnügungssüchtiger Hauptstädter und Touristen von der Warschauerstrasse Richtung Nordbahnhof. Mitten durch den Szenebezirk Friedrichshain und den vorhergehenden Szenebezirk Prenzlauer Berg, heute klein Schwabenländle. (Die Szene in Berlin, oder die die sich dafür halten, ziehen gerne und schnell mal um)

Ich sitze und lese ein Buch, welches mir eine Tante schenkte, nicht meine wirkliche und irgendwie ist sie nun doch zu meiner Wahl-Tante geworden. Wer hat das schon :-) Ich sitze und lese dieses Buch, als vor mir eine Rollstuhlfahrerin die Niederflurbahn, so nennen sich diese Fortbewegungsmittel eigentlich richtig, verlassen will. Für solche Fälle hat man eigens eine ausfahrbare Rampe integriert um besser und vor allem sicherer rausrollen zu können.

Da es sich hier aber um eine Niederflurbahn handelt, liegt man mit der Vermutung sehr richtig, das diese auch sehr niedrig am Boden entlang saust. Der Abstand zwischen Haltestellenkante & der Straßenbahn ist vernachlässigungswürdig gering, aber vorhanden. Die Rollstuhlfahrerin wollte jedenfalls raus und diese Rampe dafür nutzen, welche Dummerweise nicht funktionstüchtig war. Der Fahrer erklärte ihr es kurz, freundlich aber bestimmt.

Damit war die morgendliche Ruhe im Wagon hin. In einer unverhältnismäßigen Lautstärke und in einer noch viel unverhältnismäßigeren Wortwahl, mutierten auf einmal alle Insassen der Tram zu Nazis, Arschlöchern, Vixern und Idioten, glaubt man den verbalen Wutausbrüchen besagter, behinderter Frau, deren eigentliche Behinderung offensichtlich nicht in der eingeschränkten Fortbewegung, sondern eher geistiger Natur zu sein schien.

Ich fühlte mich enorm in meiner morgendlichen Ruhe gestört. Komischer Weise reagierte kein Fahrgast mit Kommentaren auf diese Hasstiraden, dieses rollenden Wutausbruches. Wie ich mich gerade darüber wundern wollte, stand ein als "Nazi" beschimpfter Fahrgast auf und bot der Frau im Stuhl an, ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. - Grober Fehler -

Offensichtlich gefiel diese Frau auf Rädern sich so sehr in ihrer Opferrolle, das sie sofort in die nächste Phase überging und sich darüber noch lauter beschwerte, dass sie sich immer von wild fremden Menschen anfassen lassen müsse. - Geht's noch? -

Als Berliner ist man einiges gewohnt und so blieb der hilfsbereite "Nazi", getarnt als ganz normaler Fahrgast, mit gefärbten Haaren und Hund, davon total unbeeindruckt. Böse Zungen könnten nun behaupten, er schob den behinderten Fahrgast einfach ab. Was allerdings auf eigenen Wunsch passierte und nicht mit anderen Abschiebungen zu verwechseln ist.

Problem und Situation also bestens geklärt. Zeit sich zu bedanken, könnte man meinen. Weit gefehlt. "Euch müsste man alle ins KZ stecken, alle die hier schweigend zugesehen haben, wie ich mich hier behandeln lassen musste." steigerte sich die total realitätsfremde und zugleich gehbehinderte Frau hinein. Um ihrem Protest Nachdruck zu verleihen, donnerte sie auch noch heftigst gegen die sich gerade schließenden Türen. Sicher ihre Art sich für die erhaltene Hilfe zu bedanken. Ähnlich der Art, wenn man einen Bekannten ins Taxi setzt, die Tür schließt und mit dem Klopfen auf's Autodach, dem Fahrer signalisiert, Fracht verstaut, hau ab!

Sie kennt es wohl nicht anders und weiß es offensichtlich nicht besser. Vielleicht gefällt sie sich aber auch einfach nur in dieser Opferrolle, in die sie seid einigen Jahren zwangsweise hineingesetzt durch das Leben rollt. Letztlich, nur damit hier keine Missverständnisse aufkommen, haben es behinderte Menschen schon schwer, aber auch wir haben es nicht leicht mit ihnen und ein solches Verhalten trägt sicherlich nicht dazu bei, das es einfacher, normaler und vor allem mehr Verständnis zwischen den Menschen mit oder ohne Behinderung gibt.

In diesem Sinne eine Bitte an alle wie auch immer behinderten Menschen dieser Stadt, führt Euch doch nicht immer so behindert auf. Eine Behinderung ist kein Freibrief für ungebührendes Verhalten und hilft in keinem Fall weiter!

Man könnte sagen, der Morgen fing für mich sehr stressig an, doch kaum ein paar Sekunden später konnte ich schon wieder über einige lustige Zeilen im Buch lachen, welches ich nach kurzer Unterbrechung genüsslich weiterlesen konnte, ohne mich wieder als Nazi, Vixer oder Arschloch dafür beschimpfen lassen zu müssen. Mal sehen was der Tag noch alles so bringt.

27.11.08 11:20
 
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